„You are doing something for mankind.“
Wer im Haslital aufwächst, weiss: Der Reichenbachfall ist nicht einfach ein Wasserfall. Er ist Schauplatz einer der berühmtesten Szenen der Literaturgeschichte. Dort oben, zwischen tosenden Wassermassen und schroffen Felsen, liess Sherlock Holmes einst seinen Erzfeind Professor Moriarty in den Abgrund stürzen – oder stürzte mit ihm gemeinsam hinein, je nachdem, welcher Version man folgt.
Als Arthur Conan Doyle seinen Meisterdetektiv 1893 am Reichenbachfall verschwinden liess, war das eigentlich als endgültiges Ende gedacht. Doch die Leser rebellierten derart heftig, dass Holmes Jahre später wieder auferstehen musste. Seither pilgern Sherlock-Holmes-Fans aus aller Welt ins Haslital. Für viele gehört der Reichenbachfall zu den bedeutendsten literarischen Schauplätzen überhaupt.
Und irgendwie passt es zur Schwendi, dass sich hier Geschichten, Wege und Menschen kreuzen.
Bereits im Sommer 2023 – damals, als wir das alte Hotel gerade erst entrümpelt, geputzt und provisorisch zwischengenutzt hatten – erreichte uns eine E-Mail von Marcus Geisser. Ein Name, der in der Sherlock-Welt Gewicht hat: Er gründete 1989 mit Gleichgesinnten die „Reichenbach Irregulars of Switzerland“, die erste Schweizer Sherlock-Holmes-Gesellschaft. In der alten Schwendi kam es nicht zu einem Besuch. Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif dazu.
Umso schöner war es, als Anfang Mai dieses Jahres plötzlich eine Reisegruppe der Sherlock Holmes Society of London vor dem Pilgerhaus Schwendi stand. Rund zwanzig Sherlockianer aus Europa, den USA und Kanada haben auf ihrer Schweiz-Reise Halt gemacht bei uns – selbstverständlich stilecht gekleidet in viktorianischer Garderobe.
Bereits am Vormittag hatten wir begonnen, den Kiesplatz auf der Westseite des Hauses herzurichten. Die heugrünen Tische wurden aufgestellt, Gartenstühle hervorgeholt, Sonnenschirme montiert. Nach dem Winter gab es einiges zu putzen – Blütenstaub, Schmutz, die üblichen Spuren der kalten Monate. Gleichzeitig zog kräftiger Föhn durchs Tal. Immer wieder mussten wir die Sonnenschirme sichern, damit sie nicht plötzlich Richtung Reichenbachfall davonflogen.
Und dann trafen sie ein.
Damen mit Hüten und langen Kleidern, Herren in Tweed, Mänteln und Kappen. Manche wirkten, als wären sie direkt aus der Baker Street angereist. Auf dem Kiesplatz wurde englisch, französisch und deutsch gesprochen, dazwischen Gelächter, Fachsimpeleien und immer wieder Blicke hinauf zum kleinen Sherlock-Holmes-Konterfei an unserer Westfassade, das offensichtlich viele Herzen erfreute.
Es war ein eigentümlich schönes Bild: Dieses alte Haus im Haslital und davor eine Gesellschaft von Menschen, die eine Geschichte verbindet, die vor über hundert Jahren ihren Anfang nahm.
Trotz Windböen servierten wir Getränke und kleine Tortenstücke, die Daniela mit viel Liebe eigens für diesen Anlass gebacken hatte. Zwischendurch führten wir Gespräche, erzählten vom Haus, zeigten Gästen die Gaststube und spürten einmal mehr, wie viel Leben inzwischen in der Schwendi angekommen ist.
Besonders schön war auch etwas anderes: Unsere „gewöhnlichen“ Gäste, die eigentlich nur für Kaffee und Kuchen vorbeischauen wollten, wechselten kurzerhand die Rolle und halfen im Hintergrund mit. Christa, Tiziano und Damaris packten selbstverständlich mit an, trugen Geschirr, halfen organisieren und sorgten mit dafür, dass alles ruhig und herzlich blieb. Solche Momente kann man nicht planen. Und genau deshalb bleiben sie.
Natürlich wurde an diesem Nachmittag viel über Sherlock Holmes gesprochen. Über den Reichenbachfall, über Geschichten, Figuren, Reisen und Begegnungen. Aber fast ebenso oft ging es einfach um die Schwendi. Um das Haus. Die Renovation. Die Idee dahinter. Und dann kam dieser eine Satz.
Ein adrett gekleidetes Mitglied der Gesellschaft, mit französischem Akzent und offensichtlich geschultem Blick für alte Häuser, sah sich um, nickte langsam – und sagte: “You are doing something for mankind.”
Wir waren perplex. Nicht, weil es übertrieben schien. Sondern weil es so ernst gemeint war. Und genau darin liegt das Schöne. Dass ein altes Haus im Haslital Menschen aus aller Welt zusammenbringen kann. Nicht spektakulär oder laut. Sondern einfach, weil hier etwas mit Sorgfalt und Überzeugung gemacht wurde.
Oder, um im Vokabular der Sherlockianer zu bleiben: Der Fall Schwendi lebt.