Plötzlich live
Es gibt Momente, auf die man sich vorbereitet – und merkt dann doch: Vorbereiten hilft nur bedingt. Der 9. April 2026 war so ein Moment. Gegen Abend kommen Sabine Dahinden, Kameramann Patrick und der Techniker Michael in der Schwendi an. Nicht zum ersten Mal Fernsehen, aber zum ersten Mal live. Und live ist anders. Das merken wir ziemlich schnell.
Zuerst ist alles noch erstaunlich ruhig. Sabine geht durchs Haus, schaut, fragt, überlegt. Wo erzählt sich die Geschichte am besten? In der grosszügigen Gaststube? Im Treppenhaus mit dem schönen Holzgeländer? In der Kitchenette, wo Kaffeeduft, Chrüseli und Selbstbedienung zusammenfinden? Oder draussen vor der Schwendi, wo schon der Blick auf das Haus sagt: Da bewegte sich lange nichts – und jetzt ist wieder Leben drin.
Wir gehen gemeinsam durch die Räume. Das Haus kennt solche Besichtigungen inzwischen. Handwerker, Nachbarn, Gäste, Journalistinnen, Gwundernasen – sie alle sind schon durch die Schwendi gegangen und haben etwas Bleibendes mitgenommen. Aber an diesem Abend ist der Blick nochmals ein anderer. Die Kamera sucht nicht einfach schöne Bilder. Sie sucht eine Geschichte. Und davon kennt die Schwendi bekanntlich viele.
Ein seit zwanzig Jahren leerstehendes Hotel. Ein altes Haus, das nicht neu erfunden, sondern wieder geweckt werden wollte. Leitungen, die nicht dicht waren. Bewilligungen, die Geduld verlangten. Staub aus dem letzten Jahrhundert, alte Möbel. Und immer wieder diese Frage, die uns begleitet: Was wird aus einem Hotel, wenn man eigentlich kein Hotel daraus machen will?
Sabine stellt ihre Fragen. Wir suchen die passenden Antworten dazu. Langsam entsteht so etwas wie ein Drehbuch, auch wenn sich dieses Wort für unser Haus fast zu ordentlich anfühlt. Aber live braucht Ordnung. Zumindest ein bisschen. Kurz haben wir Zeit zu zweit. Wir sprechen ab, wer welche Frage beantwortet - denn live bietet sich einem lediglich ein Versuch. Möglichst kurz. Möglichst klar. Möglichst nicht zu hölzern. Gar nicht so einfach, wenn in einem selbst mehrere Jahre gleichzeitig mitreden wollen.
Dann kommt auch Andreas, ein Gastro-Berater, der schon in anderen Sendungen von SRF Red und Antwort stand. Er trudelt ein, schaut sich interessiert um und nimmt das Haus mit fachlicher Spitzfindigkeit wahr. Wir haben den Eindruck, dass es ihm gefällt. Es ist schön, an diesem Abend nicht nur ein Fernsehteam im Haus zu haben, sondern auch Gäste, welche die Schwendi schon ein bisschen zu ihrem Ort gemacht haben.
Um 19 Uhr wird es ernst. Bis dahin war alles Vorgeplänkel. Ab jetzt bekommt die Sache Puls. Sabine stellt sich um 19.08 Uhr draussen vor der Schwendi fürs Anmoderieren bereit. Wir befinden uns, wie abgemacht, in der Kitchenette. Dort, wo bald die Tür aufgehen wird. Dort, wo wir wenig später im Bild stehen sollen. Noch sieht uns niemand. Noch können wir tief einatmen.
Der Techniker zählt. Noch 30 Sekunden. 20. Gleich. Es ist erstaunlich, wie lang ein paar Sekunden sein können. Wir stehen da, hören auf Schritte, auf Zeichen, auf die eigene Anspannung. Und während draussen Sabine in ihrer souveränen Art die Live-Sendung anmoderiert, wird uns bewusst: Das hier ist nicht einfach ein weiterer Beitrag. Das hier passiert jetzt. Keine zweite Aufnahme. Kein «Nochmals bitte». Kein «Wir schneiden das dann». Dann geht die Tür auf. Und die Schwendi ist live.
Eigentlich müsste man in solchen Momenten besonders klug, treffend und gelassen sein. In Wahrheit hofft man einfach, dass die richtigen Worte rechtzeitig auftauchen. Dass man nicht zu viel sagt. Nicht zu wenig. Und dass trotz Kamera und Mikrofon spürbar bleibt, worum es hier wirklich geht. Nicht um ein perfektes Haus. Sondern um eines, das wieder lebt und dass wir ein Paar sind, das seine Vision lebt.
Nach der Sendung fällt die Spannung nicht mit einem Knall ab. Eher wie Schnee, der langsam vom Dach rutscht. Wir sitzen zusammen. Sabine, der Kameramann, der Techniker, Andreas und wir. Es gibt Hobelkäse, selbstgebackenes Brot, Kaffee und Torte. Auch unsere Gäste machen es sich am Kaminfeuer gemütlich. Man redet weiter, lacht, fragt nach, erzählt. Aus der Live-Schaltung wird ein Schwendi-Abend. Und vielleicht ist genau das der schönste Übergang: vom Fernsehen zurück in die Realität.
Ein paar Wochen später kommt Thomas von SRF fürs Radiointerview vorbei. Das fühlt sich schon fast familiär an. Es ist bereits sein fünfter Besuch in der Schwendi. Er kennt das Haus noch von früher. Von sehr viel früher, könnte man fast sagen. Bevor entrümpelt war. Bevor geputzt war. Bevor erste Ideen sichtbar wurden. Er hat miterlebt, wie während des Umbaus Möbel und Täfer in die Mulde flogen. Nun steht er wieder da und möchte selbstverständlich alles sehen. Wir verstehen ihn gut. Denn manchmal staunen wir selbst noch und gehen durch jeden einzelnen Raum. Genüsslich und als wäre es das erste Mal … .
Das Radiointerview hat einen anderen Takt als das Fernsehen. Es geht weniger um das Bild, mehr um das, was zwischen den Sätzen Platz hat. Um Erfahrungen, die in kurzen TV-Beiträgen kaum vorkommen. Um Zweifel. Um Entscheidungen. Um ein Hineinwachsen in ein Haus, das uns immer wieder zeigt, dass es seinen eigenen Kopf hat. Um die Frage, was es bedeutet, einen Ort nicht nur zu renovieren, sondern wieder bewohnbar, gastfreundlich und sinnvoll zu machen.
Anfang Mai lernen wir nochmals ein anderes Medienformat kennen. Corinne vom Blick interessiert sich vor allem für das 125-jährige Haus, die aufwändige Renovation und den Weg vom lange leerstehenden Hotel zum neu erfundenen Pilgerhaus. Sie schaut auf die Schwendi als Gebäude, aber auch auf das, was ein Haus ausstrahlt, wenn man ihm seine Geschichte nicht austreibt. Das gefällt uns.
Denn genau darum ging es uns nie: aus alt einfach neu zu machen. Oder aus der Schwendi ein beliebiges Ferienhaus mit hübscher Fassade zu bauen. Wir wollten das Haus in seiner Eigenart verstehen und ernst nehmen. Mit seinen handwerklichen Meisterleistungen von früher, seinen Eigenheiten, seinen alten Geschichten, seinen neuen Sesseln, seinen schönen Apartments und seinen kleinen Unmöglichkeiten.
In diesen Wochen staunen wir, wie viel Interesse die Schwendi auslöst. Bei Medienleuten, bei Gästen, bei Menschen aus der Region. Das freut uns. Nicht nur, weil unser Projekt dadurch sichtbar wird. Sondern auch, weil mit jedem Beitrag ein Stück Haslital mitreist. Die Schwendi steht ja nicht irgendwo. Sie steht hier am Eingang zum Reichenbachtal, mit Aussicht, Wetter, Bergen, Wegen und Menschen, die uns immer wieder wohlwollend begegnen.
Dass die mediale Berichterstattung die Region in die ganze Schweiz trägt, freut uns. Auch andere Gastgeber und Menschen im Haslital spüren: Wenn hier oben wieder Licht brennt, ist das mehr als eine private Geschichte. Vielleicht sieht jemand den Beitrag und denkt: Dort möchte ich einmal hin. Vielleicht kommt jemand für ein paar Tage Auszeit. Vielleicht für ein Sabbatical auf Zeit. Vielleicht als Geschäftsleitung für eine Retraite, bei der nicht Neonlicht, graue Tische und ein Flipchart in der Ecke den Rahmen setzen, sondern ein Haus, das zur Ruhe einlädt und trotzdem weckt und inspiriert.
Wir vertrauen darauf: Wer diese besondere Atmosphäre sucht, wird uns finden. Und vielleicht beginnt es manchmal genau so: mit einer Tür, die aufgeht. Vor laufender Kamera. Oder ganz unspektakulär an einem anderen Abend, wenn jemand in der Schwendi ankommt, den Rucksack abstellt, sich an den Tisch setzt und merkt: Jetzt bin ich da.