Wo kämen wir hin …
Manchmal hinterlassen Gäste mehr als nur eine Buchung im Kalender oder eine schöne Rückmeldung. Letztlich hat uns ein Gast vor der Abreise ein “Zedeli” in die Hand gedrückt. Unspektakulär aber mit Sorgfalt geschrieben. Es ist uns geblieben. Eine mit Vergissmeinnicht-Blumen dekorierten Notiz enthielt einen Satz von Kurt Marti:
Wo kämen wir hin,
wenn alle sagten:
Wo kämen wir hin,
und niemand ginge,
um zu sehen,
wohin wir kämen.
Wir mussten den Zettel mehrmals lesen. Vielleicht, weil er uns so direkt an die letzten Jahre erinnert hat. Denn wenn wir ehrlich sind: Hätten wir von Anfang an gewusst, was dieses Projekt alles mit sich bringt – die Unsicherheiten, die Kosten, die unzähligen Entscheidungen, die intensiven Phasen, die technischen Fragen, der überdimensionierte Umfang – hätten wir uns vielleicht nicht getraut.
Vielleicht hätten wir vernünftig gerechnet. Vielleicht hätten wir gesagt: „Eigentlich zu gross.“ Vielleicht wäre die Schwendi heute einfach immer noch ein altes, leeres Haus auf dem Felsen. Und gleichzeitig wissen wir: Genau das ist der Punkt. Viele Dinge im Leben entstehen nicht, weil man absolute Sicherheit hat. Sondern weil man irgendwann beginnt zu gehen. Nicht blind. Aber auch nicht erst dann, wenn jede Frage beantwortet ist.
In den letzten Jahren haben wir gelernt, Probleme anders anzuschauen. Weder romantisch noch naiv. Sondern als Situationen, die gelöst werden wollen. Manche waren klein. Andere schienen im ersten Moment fast zu gross. Eine fehlende Finanzierung. Überraschungen hinter alten Wänden. Technische Herausforderungen. Zweifel. Müdigkeit. Dinge, die uns gefordert haben.
Und doch passierte etwas Erstaunliches: Viele dieser Schwierigkeiten wurden später zu etwas Gutem. Sie zwangen uns, genauer hinzuschauen. Kreativer zu denken. Menschen einzubeziehen. Entscheidungen sorgfältiger zu treffen. Oft entstand gerade so eine neue Idee oder eine bessere Lösung.
Studien zeigen, dass rund 85 bis über 90 Prozent der Sorgen, die Menschen beschäftigen, gar nie eintreffen.  Und selbst wenn Schwierigkeiten tatsächlich eintreten, erleben viele Menschen sie später als weniger bedrohlich als ursprünglich befürchtet. Wie oft stehen wir also vor etwas und denken zuerst: „Wo kämen wir hin?“ Und bleiben stehen.
Natürlich braucht nicht jede Idee eine komplette Lebensveränderung. Aber vielleicht gibt es in vielen Menschen etwas, das darauf wartet, ernst genommen zu werden. Ein Wunsch. Eine Vision. Ein Projekt. Ein erster Schritt. Die Schwendi war für uns genau das. Nicht einfach ein Bauprojekt, sondern eine Vorstellung davon, wie ein Ort sein könnte. Ein Haus, das Menschen Raum gibt. Für Ruhe, Gedanken, Gespräche, neue Perspektiven. Und heute, wenn wir durch die fertigen Räume gehen, Gäste ankommen sehen oder abends das Licht in der Gaststube brennt, empfinden wir vor allem Dankbarkeit. - Stilles Staunen darüber, dass aus einer Idee Wirklichkeit geworden ist.
Genau das wünschen wir uns auch für andere: Dass Träume nicht einfach Träume bleiben müssen. Dass nicht jede Unsicherheit ein Stoppschild ist. Dass man nicht immer den ganzen Weg sehen muss, um loszugehen. Denn vermutlich finden wir nur heraus, wohin etwas führen kann, wenn jemand den Mut hat, den ersten Schritt zu machen. Oder, um es mit Kurt Marti zu sagen: „ … zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“