Steinmandli
Letzte Woche hatten wir das Privileg, ein paar Tage auf Mallorca zu verbringen. Eine Insel, die wir immer wieder gerne besuchen. Türkisfarbene Buchten, so klar, dass man den Grund sieht. Schroffe Felsen, die sich scheinbar mühelos aus dem Meer erheben und sich zu kantigen Bergen formen. Felder, die blühen, als hätten sie es eilig. Und Bäume, deren Knospen so kräftig sind, dass man fast meint, ihnen beim Aufbrechen zusehen zu können.
Es ist diese Mischung aus Weite und Ursprünglichkeit, die uns immer wieder anzieht. Und so sind wir eines Morgens losgezogen – eine Wanderung, die auf der App unspektakulär wirkte. Ein paar Höhenmeter, ein klar eingezeichneter Weg. Nichts, das Fragen aufwirft. Bis der Weg aufhörte.
Aus dem Fahrweg wurde ein schmaler Übergang, dann ein Waldstück, dann … nichts mehr. Eine Steinmauer, wie eine Grenze. Dahinter unberührtes Gelände. Die App zeigte weiterhin entschlossen nach vorne der Steinmauer entlang - ungewohnt. Dennoch gingen wir.
Was als Gehen begann, wurde bald zum Krackseln auf allen Vieren. Der Hang wurde steiler, der Boden rutschiger. Wer den Blick in die Ferne richtete, sah keinen Weg. Nicht einmal einen Pfad. Nur Landschaft. Nur Steigung. Und doch: Wenn man den Blick von der weit über unseren Köpfen liegenden Krete löste und ein paar Meter vor die eigenen Füsse legte, zeigte sich etwas. Ein schmaler Tritt. Ein Hauch von Spur. Nicht offensichtlich, aber da. Wir gingen weiter. Der Wald lichtete sich, das Gras war an manchen Stellen niedergetreten – gerade breit genug für zwei Füsse. Dann wurde es steinig. Felsig. Und irgendwann war selbst dieser Pfad verschwunden. Nur noch Geröll. Kein klares Vorwärts, kein eindeutiges „hier durch“.
Und dann standen sie da. Klein. Unspektakulär. Vier, fünf Steine, aufeinandergeschichtet. Manche sauber aufeinander balancierend, andere halb zerfallen. Steinmandli. Kaum sichtbar, wenn man nicht danach suchte. Aber da. Wir begannen, uns an ihnen zu orientieren. Nicht mit einem grossen Plan. Nicht mit Sicherheit, ob wir wirklich oben ankommen würden. Sondern Schritt für Schritt. Vom einen Steinmandli zum nächsten. Manchmal sichtbar, manchmal erst beim genaueren Hinschauen. Der Blick ging nicht mehr weit voraus, sondern dorthin, wo der nächste sichere Tritt möglich war. Die Hände kamen dazu. Die Füsse suchten Halt. Steine rutschten, polterten talwärts. Und doch: Es ging vorwärts. Nicht schnell. Aber stetig.
Die Krete war irgendwo oben. Sichtbar, aber nicht erreichbar in einem Zug. Also gingen wir weiter, so gut es ging. Und immer wieder: ein Steinmandli. Ein kurzer Moment der Orientierung. Ein Zeichen: „du bist richtig“. Bis wir oben standen. Mit Überblick. Mit Weite.
Irgendwie liegt genau darin etwas, das über diese Wanderung hinausgeht. Wir alle kennen diese Momente. Phasen, in denen der Weg klar ist. Breit. Gut sichtbar. Man geht, ohne viel zu überlegen. Und dann gibt es die anderen. Abschnitte, in denen sich der Weg verliert. In denen das, was vor einem liegt, eher wie Geröll wirkt als wie ein Pfad. Unübersichtlich. Steil. Unsicher. Und oft hilft es wenig, weit vorauszuschauen. Das grosse Ganze zu erfassen. Denn genau dort ist nichts zu erkennen.
Was hilft, ist näher zu schauen. Den nächsten Schritt zu finden. Den nächsten sicheren Tritt. Und manchmal auch diese kleinen Steinmandli im eigenen Leben zu erkennen. Begegnungen. Gedanken. Hinweise. Dinge, die uns zeigen: Geh weiter. Du bist nicht ganz falsch. Nicht jeder Schritt ist perfekt. Nicht jeder der beste. Manche führen ein Stück zu weit nach links, andere brauchen mehr Kraft als gedacht. Aber sie bringen uns vorwärts. Und zwischendurch lohnt es sich, stehen zu bleiben. Den Blick zu heben. Das Panorama zu sehen. Nicht, um den ganzen Weg zu verstehen, sondern um zu spüren, wo man ist und zu staunen, wie prächtig die Aussicht dennoch ist, auch wenn es kompliziert ist.
Die Steinmandli sind ein Symbol für das, was wir “Zwischensinn” nennen. Nicht der Anfang und nicht das Ziel. Sondern der Moment, in dem man unterwegs ist. Mit allem, was dazugehört: Klarheit und Zweifel, Leichtigkeit und Anstrengung, Schönheit und Unsicherheit. Das Leben besteht aus diesen Bewegungen. Gehen. Innehalten. Sich neu ausrichten. Weitergehen. Und manchmal reicht es, zu wissen: Da ist ein nächstes Steinmandli. Nicht laut. Nicht übergross. Aber da. - Und das genügt.