Zwischen Winterrest und Frühlingssonne
Im Haslital ist der Frühling kein leiser Übergang. Er kommt in Schichten. Unten beginnt es zu grünen, während weiter oben noch einmal prächtiges Weiss liegt – eine Erinnerung daran, dass der Winter noch nicht ganz verschwunden ist. Dazwischen diese eigentümliche Spannung: Föhn, welcher über die Hänge fegt, warmen Wind bringt und dann plötzlich wieder abfällt. Momente, in denen alles still ist. Und gleich darauf wieder Bewegung – Wasser, welches aus dem schmelzenden Schnee gespeist wird und sich mit Kraft ins Tal stürzt.
Pünktlich auf Ostern wird es warm. Auf der Höhe der Schwendi sind die Wege grösstenteils schneefrei, und doch liegt der Winter noch in den Schatten, in Mulden, an Waldrändern. Genau diese Mischung macht es aus. Man geht los, ohne grosses Ziel, ohne Gepäck. Direkt vor der Haustür steigt der Weg an, zuerst steil, dann angenehmer, bis er sich quer über den Hang legt und den Blick langsam freigibt.
Unterwegs zeigt sich der Frühling vorsichtig, aber bestimmt. An Buchen spriesst das erste zarte Grün, fast durchsichtig im Licht. Es ist noch kein dichter Wald, eher ein Versprechen. Gleichzeitig sind die Geräusche bereits da: Vögel, die zwitschern und den Hang mit Leben füllen, und darunter das stetige Rauschen der Bäche, welche jetzt voller Schmelzwasser sind. Ein Tosen, das einen begleitet, auch wenn man es nicht mehr direkt sieht.
Der Weg zieht sich weiter Richtung Innertkirchen, bis man die Aare erreicht. Ein kurzer Übergang, dann wieder bergauf, hin zu diesem einen Punkt, welcher fast beiläufig am Weg liegt – und doch alles verändert. Ein Bänkli, leicht erhöht, wie eine kleine Burg über dem Tal. Von hier öffnet sich der Blick ins Grimseltal, weit und klar. Man setzt sich, ohne gross darüber nachzudenken. Die Sonne im Gesicht, die Wärme auch im Rücken, darunter das Tal, das sich ausbreitet. Ein Moment, der nichts braucht.
Der Rückweg führt durch das obere Wilerli – jene ersten Häuser, die ganzjährig bewohnt sind, bevor Meiringen beginnt. Hier wird der Übergang spürbar: von der Weite zurück in die Nähe, von der Bewegung zurück ins Alltägliche. Und doch bleibt etwas von dem, was man unterwegs gesehen und gespürt hat.
Unten, bei der Aareschlucht, ist inzwischen viel Betrieb. Die Parkplätze voll, die Menschen zahlreich. Ein kurzer Blick – und dann der Abzweiger auf den alten Säumerweg Richtung Grosse Scheidegg. Ein paar Schritte genügen und es wird wieder ruhig. Der Weg wird schmaler, die Landschaft weiter, der Rhythmus ein anderer.
Zurück in der Schwendi setzt man sich dorthin, wo es gerade passt. Draussen vor dem Haus, die Sonne noch im Gesicht. Oder drinnen in der Gaststube, das Licht im Rücken. Ein Kaffee, vielleicht ein kleines Dessert. Nichts, was geplant war – und genau deshalb stimmig.
Es sind diese Tage, in denen das Haslital zeigt, was es ist: kein Entweder-oder, sondern ein Nebeneinander. Winter und Frühling. Kraft und Ruhe. Und dazwischen ein Weg, welcher direkt vor der Haustür beginnt.