Wirkung entsteht nicht zufällig
Wer schon einmal einen Workshop geleitet oder daran teilgenommen hat, weiss: Es sind selten die Inhalte allein, die darüber entscheiden, ob zwei Tage wirklich etwas bewegen. Es ist der Raum. Die Umgebung. Die Atmosphäre, in welcher Gedanken entstehen dürfen. Organisationen wie IDEO oder auch Studien aus der Arbeits- und Umweltpsychologie zeigen seit Jahren, was gute Workshop-Umgebungen auszeichnet: Räume, die Offenheit zulassen, Licht, das wach macht, Materialien, die zum Denken einladen, und eine Umgebung, die Distanz zum Alltag schafft, aber nicht steril wirkt. Orte, die es erlauben, zwischen Fokus und Austausch zu wechseln, ohne dass man sich ständig neu sammeln muss. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Viele Workshops finden nach wie vor in Räumen statt, die zwar funktional sind, aber nichts beitragen. Neonlicht, graue Tische, Whiteboards mit abgewetzten Kanten. Man kommt in den Raum, klappt den Laptop auf und arbeitet einfach weiter wie vorher – nur an einem anderen Ort. Genau hier beginnt für uns die eigentliche Frage: Was entsteht, wenn der Raum nicht nur Kulisse ist, sondern Teil des Denkens?
Im Pilgerhaus Schwendi war diese Frage von Anfang an präsent. Nicht als theoretisches Konzept, sondern ganz konkret bereits bevor wir das Haus gekauft haben und auch während des Umbaus. Ohne die Inspiration, einen “Zwischensinn”-Ort zu schaffen, hätten wir das alte Hotel nie gekauft. Und als es ans Renovieren ging, war uns klar, dass dieses Haus nie einfach renoviert werden wollte. Es brauchte eine Vision. Einen Grund, warum es genau hier wieder lebt – und für wen. Wir haben uns entschieden, einen Ort zu schaffen für Menschen, die bewusst arbeiten und achtsam leben wollen. Die sich Zeit nehmen, um Dinge zu klären, zu entwickeln, zu entscheiden. Und genau daraus ergaben sich die Fragen an die Räume in der Schwendi. Welche Wände bleiben? Welche müssen erneuert werden? Welche Materialien tragen zur Stimmung bei – und welche stören diese?
Die Decke in der Gaststube ist ein gutes Beispiel. Irgendwann in den 60er Jahren wurde sie mit simplem Täfer verkleidet. Zweckmässig, aber ohne Seele. Wir haben sie ersetzt durch ein Kassettentäfer, welches dem Raum mit Schlichtheit Aufmerksamkeit gibt. Dazu dimmbare Spots, die die Ambience verändern können, ohne den Raum umzugestalten: Die Spots beleuchten die Workshop-Location mit hellem und klarem Licht – es entsteht ein Arbeits- und Denkort. Am Abend, wenn die Spots gedimmt werden, wird die Gaststube warm, ruhig, beinahe still - die ideale Umgebung, wenn Gäste am Feuer sitzen und Gespräche von selbst gemächlicher werden. - Oder die Terrasse: Die seitlichen Windfänge waren lieblose Holzwände - dunkel und schwer. Heute sind es Glaswände. Es entsteht mehr Licht, mehr Weite, mehr Landschaft. Und selbst bei den Metallrahmen haben wir nicht einfach irgendeine Lösung ausgewählt. Wir haben darauf bestanden, dass die Schlosserei ein Kreuzprofil findet, das sich in den Stil des Hauses einfügt. Ein Detail, das niemand bewusst sucht – aber nun vielen auffällt.
Warum erzählen wir das alles, wenn es eigentlich um Workshops geht? Weil genau hier der Unterschied entsteht. Die meisten Workshop-Räume werden von der Infrastruktur her gedacht. Flipchart, Whiteboard, Moderationskoffer – und dann stellt man das alles irgendwo hin. Es funktioniert, aber es passt oft nicht. Es ist ein bisschen so, als würde jemand bei einem feinen Abendessen Ketchup über alles giessen. Es erfüllt einen Zweck, aber es passt nicht.
Die Gaststube in der Schwendi ist kein klassischer Workshopraum. Sie ist ein Raum mit Geschichte, mit Wärme, mit einer Ruhe, die man nicht herstellen kann. Ein Raum, der eher einlädt zu bleiben, als zu funktionieren. Und deshalb eignet er sich so gut. Also haben wir die Frage weitergedacht: Wie sieht Workshop-Infrastruktur aus, welche diesen Raum nicht zum Arbeitsraum macht, sondern seine Wirkung in die Arbeit einbringt?
Die Antwort war anders auszuwählen und nicht einfach mehr hinzustellen. Kein klassisches Whiteboard. Kein gewöhnlicher Flipchart. Keine Post-its, die nach Büro aussehen. Stattdessen Glasboards. Leicht grau, transparent, fast zurückhaltend. Man kann darauf schreiben wie auf einem Whiteboard, aber sie teilen den Raum nicht. Sie lassen ihn offen. Und wer darauf arbeitet, merkt schnell, dass sich selbst das Schreiben anders anfühlt. Ein neues Erlebnis, das bleibt. Die klassischen Post-its haben wir durch Stattys ersetzt – elektrostatische Zettel, die ohne Klebstoff haften, sich verschieben lassen und perfekt mit den Glasboards funktionieren. Beim Flipchart haben wir uns für einen Samsung Flip entschieden. Ein Gerät, das sowohl Flipchart als auch Bildschirm ist. Weniger Dinge im Raum, mehr Möglichkeiten im Denken.
Natürlich bringt das auch Fragen mit sich. Wo verstaut man Glasboards, wenn sie gerade nicht in Gebrauch sind? Wie integriert man Technik so, dass sie nicht sichtbar stört? Die Glasboards haben ihren Platz im Halbgeschoss Richtung Keller gefunden. Der Samsung Flip steht aktuell noch etwas übergross in einer Ecke der Gaststube. Seine Rückseite gefällt uns nicht – und wir wissen, dass wir dafür noch eine Lösung finden werden. Aber eben keine schnelle, sondern eine, die passt.
All das braucht mehr Zeit. Mehr Aufmerksamkeit. Oft auch mehr Geld. Aber die Wirkung ist eine andere. Das sagen uns auch die ersten Gäste, die mit diesen Materialien gearbeitet haben. Für sie bleibt nicht nur der Inhalt des Workshops in Erinnerung, sondern das Gefühl der Umgebung, in dem er stattgefunden hat.
Kürzlich durfte ich selbst einen Workshop mit einem Management-Team in der Schwendi moderieren. Ich habe vorher in verschiedenen Umgebungen gearbeitet, von improvisierten Settings mit dürftigen Moderationskoffern bis hin zu durchgestylten Luxus-Locations. Und ich kann sagen: Nie hat sich ein Setup so stimmig angefühlt wie bei uns. Nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil alles zusammenpasst. Der Raum, das Licht, die Materialien, die Ruhe. Die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und später wieder zusammenzukommen. Ein Ort, der nichts vorgibt, aber vieles ermöglicht.
Vielleicht ist das die eigentliche Qualität eines guten Workshop-Ortes: Er drängt sich nicht auf. Aber er wirkt. Am Ende des Tages geht man nicht einfach aus dem Raum – man nimmt etwas mit.