Wenn Rendite entscheidet – und Verantwortung trotzdem gewinnt
Hätten wir dieses Projekt von Anfang bis Ende durchgeplant, hätten wir es vermutlich nie gemacht. Vielleicht hätten wir eine Excel-Tabelle geöffnet, verschiedene Szenarien durchgespielt, Risiken bewertet und irgendwann festgestellt, dass es vernünftiger wäre, die Finger davon zu lassen.
Doch so hat es sich nicht zugetragen. Am Anfang stand kein Geschäftsmodell sondern ein Bild. Ein Haus, das wieder lebt. Ein Ort, an dem Menschen ankommen, zur Ruhe kommen und für einen Moment aus dem Takt des Alltags treten können. Ein Ort, der inspiriert, der Gespräche ermöglicht und vielleicht auch ein wenig Orientierung gibt. Heute steht die Schwendi wieder da. Renoviert, belebt, offen. Und manchmal stehen wir selbst im Haus, schauen uns um und denken: Wer hätte das gedacht.
Dass es so weit gekommen ist, war alles andere als selbstverständlich. Die Schwendi war in die Jahre gekommen. Es wurde stiller, verlor an Aufmerksamkeit, begann langsam zu altern. Häuser zerfallen selten spektakulär – sie verschwinden leise. Fenster werden blind, Holz verwittert, Räume verlieren ihre Funktion. Als wir uns entschieden, das Haus zu kaufen, wussten wir: Wenn jetzt nichts geschieht, wird es irgendwann einfach zu spät sein, das Haus zu retten. Wir wollten das nicht zulassen.
Unser Gedanke war einfach und zugleich ambitioniert: Aus dem ehemaligen Hotel ein kleines Aparthotel mit sechs hochwertigen Apartments zu bauen. Kein Ort für schnellen Tourismus, sondern ein Haus für Menschen, die bewusst Zeit verbringen wollen. Ein Weghalt für einige Tage oder Wochen, um nachzudenken, zu arbeiten, neue Energie zu finden oder einfach die Ruhe der Berge zu erleben. Die Metapher des Pilgerns schien uns passend, und so entstand die Idee des “Pilgerhauses”.
Doch sobald eine Idee Realität wird, taucht eine Frage auf, die sich nicht mit Idealismus beantworten lässt: Wie finanziert man so etwas? Wir haben mehrere Banken angefragt. Sechs davon haben uns abgesagt. Die Begründung war stets ähnlich: Ein kleines Hotelprojekt in einer Bergregion, dazu ein Konzept, das bewusst auf Qualität statt auf Masse setzt, sei wirtschaftlich zu unsicher. Aus Sicht einer Bank ist das nachvollziehbar. Die heutige Marktwirtschaft bewertet Projekte vor allem nach Wachstum, Skalierbarkeit und Rendite. Was sich schnell multiplizieren lässt, gilt als attraktiv. Was Zeit braucht, was gepflegt werden muss und eher erhält als expandiert, passt weniger gut in diese Logik. Dabei liegt gerade darin oft ein Wert.
Ein Haus wie die Schwendi schafft nicht in erster Linie Wachstum. Es schafft Kontinuität. Handwerker aus der Region erhalten Aufträge. Lokale Dienstleister werden eingebunden. Gäste kommen ins Tal, entdecken Wege, Restaurants, Geschäfte. Es entsteht Bewegung in verträglichem Mass und langfristig. Für eine Bank bleibt ein solches Projekt trotzdem ein Risiko.
Zum Glück gibt es neben dieser Perspektive auch eine andere. Eine Bank hat sich letztlich entschieden, uns zu unterstützen. Dazu kamen private Darlehen von Menschen, die an die Idee geglaubt haben. Und die Schweizer Berghilfe hat unser Projekt geprüft und auf Basis unserer Planung eine erste Tranche Unterstützung gesprochen. Ohne diese Kombination wäre das Vorhaben nicht möglich gewesen.
Organisationen wie die Berghilfe verfolgen eine andere Logik als klassische Finanzinstitute. Sie fragen nicht nur nach der Rendite eines Projekts, sondern auch nach seiner Wirkung. Was bedeutet es für eine Region, wenn ein Haus wieder geöffnet wird? Welche Impulse entstehen für lokale Betriebe? Welche Perspektiven ergeben sich für Menschen, welche in der Region leben und arbeiten? Gerade in Bergregionen sind solche Fragen entscheidend. Orte wie Schattenhalb liegen nicht im Zentrum wirtschaftlicher Dynamik. Die Wege sind länger, die Märkte kleiner und die Abhängigkeit grösser. Genau deshalb braucht es Institutionen, die bereit sind, über kurzfristige Rentabilität hinauszudenken.
Natürlich bleibt ein Umbau wie dieser auch nach der Eröffnung nicht frei von Herausforderungen. Gerade bei einem Haus, das zwanzig Jahre leer stand, tauchen während der Arbeiten immer wieder Überraschungen auf. Hinter Wänden, unter Böden, in Leitungen. Dinge, die man erst erkennt, wenn man mitten im Projekt steckt. So ist es auch bei der Schwendi. Das Haus ist fertig, die ersten Gäste sind da – und doch sind noch letzte Rechnungen offen. Wie so oft liegen die Gesamtkosten höher als ursprünglich geplant. Darum haben wir bei der Berghilfe ein Nachgesuch eingereicht. Nicht, weil wir leichtfertig gerechnet hätten, sondern weil Projekte dieser Art selten exakt dem ursprünglichen Budget folgen. Man entscheidet sich bewusst dafür, Dinge richtig zu machen – auch wenn sie mehr kosten als gedacht.
Der Unterschied zwischen Banken und Organisationen wie der Berghilfe zeigt sich genau an diesem Punkt. Für Banken bleibt ein Projekt vor allem eine Frage des Risikos. Für die Berghilfe ist es auch eine Frage der Verantwortung gegenüber den Bergregionen. Beides hat seine Berechtigung. Doch ohne Organisationen, welche über die reine Rentabilität hinausdenken, würde viel Schweizer Ursprung langsam verschwinden.
Wir sind überglücklich, dass die Schwendi wieder ein Haus voller Leben ist. Gäste kommen, geniessen die wohnliche Gaststube, schauen aus den Fenstern oder gehen hinaus in die Natur. Gespräche entstehen, Ideen werden entwickelt, Menschen kommen zur Ruhe. Manchmal gehen wir selbst durch die Räume und erinnern uns daran, wie es hier einmal ausgesehen hat. Still, staubig, verlassen - aber immer bereit, die Türen wieder für Gäste zu öffnen.
Für uns ist klar: Es hat sich gelohnt, dieses Haus wieder in Schwung zu bringen. Nicht, weil es sich rechnet. Sondern weil es wieder lebt.