Wenn der Körper mitredet

Im Pilgerhaus Schwendi gibt es einiges, das wir erklären könnten. Wir könnten an die Wand schreiben, was ein Weghalt ist. Wir könnten den Zwischensinn in fünf Punkten zusammenfassen und unseren Gästen beim Ankommen erläutern, was dieser Ort mit ihnen machen soll. Wir tun es lieber nicht.

Ein Haus wie unseres muss seine Idee selbst erzählen. Durch die Ruhe eines Apartments. Durch die Gaststube, in der man allein lesen und eine halbe Stunde später mit jemandem ins Gespräch kommen kann. Durch einen Weg, der vor der Haustür beginnt. Durch das Gefühl, dass der Tag einem selbst gehört. Wenn Zwischensinn nur funktioniert, nachdem man ihn erklärt hat, sind wir wie viele andere auch - inkonsistent oder austauschbar.

Peter Reuteler - daslebenberuehren.ch

Zu diesem Verständnis gehört auch, dass wir immer wieder Menschen begegnen, die etwas mitbringen, das auf eine erstaunlich selbstverständliche Art hierherpasst. Peter Reuteler ist ein guter Freund von uns und einer dieser Menschen. Wer versucht, seinen beruflichen Weg in einem Satz zusammenzufassen, braucht ziemlich langen Atem. Peter ist ausgebildeter Pädagoge, Schulleiter, Musiker; er begleitet Menschen und leitet Retreats, auch mit Führungskräften und Unternehmen. Er kennt also jene Welt gut, in der gesprochen, gefragt, reflektiert und nach Lösungen gesucht wird. Doch irgendwann stellte er für sich fest: Das reicht nicht immer.

Man kann sehr vernünftig über Veränderung sprechen und trotzdem an derselben Stelle stehen bleiben. Man kann Zusammenhänge verstehen, Entscheidungen sauber herleiten und sogar ziemlich genau wissen, was einem guttun würde. Nur ist der Mensch eben nicht ausschliesslich Kopf. Peter beschreibt es gerne mit Kopf, Herz und Hand. Und bei der Hand wurde es bei ihm ganz konkret. Er bildete sich in Körperarbeit und Massage weiter.

Nicht als radikaler Berufswechsel und auch nicht als hübsche Ergänzung zu seinem bisherigen Angebot. Es entstand aus einer eigenen Erfahrung: Berührung kann etwas erreichen, das sich über ein Gespräch allein nicht immer erreichen lässt. Der Körper speichert Anspannung ziemlich zuverlässig. Er meldet sich, wenn wir über längere Zeit viel leisten, wenig schlafen, Entscheidungen mit uns herumtragen oder schlicht vergessen, dass unterhalb des Halses auch noch etwas zu uns gehört.

Peter begann, diese Erfahrung mit dem zusammenzubringen, was er aus Pädagogik, Führung, Coaching und der Begleitung von Menschen bereits kannte. Daraus entstand sein Angebot «Das Leben berühren». Das Interessante daran ist für uns weniger die Methode als die Konsequenz: Eine Massage bei Peter folgt keinem Standardablauf. Der Mensch auf der Liege bestimmt, was sinnvoll ist. Jemand kommt müde. Jemand anderes angespannt. Jemand mit einem Kopf, der auch in der Freizeit noch im Sitzungsmodus arbeitet. Und jemand möchte schlicht eine richtig gute Massage. Peter nimmt wahr, fragt nach und arbeitet entsprechend. Das klingt eigentlich selbstverständlich. Ist es aber erstaunlich selten.

Als wir darüber sprachen, ob dieses Angebot ins Pilgerhaus passen könnte, mussten wir nicht lange überlegen. Wenn die Schwendi ein Ort für einen bewussten Zwischenhalt sein soll, dann darf dieser Zwischenhalt auch körperlich werden. Also haben wir einen Raum dafür eingerichtet. Das wiederum klingt einfacher, als es war.

Wir brauchten Vorhänge, welche den Raum mit wenigen Handgriffen verändern. Eine Lampe, die genügend Atmosphäre schafft, ohne gleich «Wellness» zu rufen. Eine gute Massageliege. Kissen, Überzüge und all die kleinen Dinge, die man erst bemerkt, wenn sie fehlen. Der Raum war gegeben und eigentlich beim ersten Betrachten komplett ungeeignet. Inzwischen haben wir das Ergebnis selber getestet. Und wir sind hin!

Was Peters Massage mit uns macht: Sie entspannt, aber sie macht nicht einfach schläfrig. Sie belebt, ohne aufzudrehen. Danach ist der Kopf freier und der eigene Körper wieder deutlicher da. Man spürt sich anders - sogar noch am nächsten Tag. Nicht dramatisch, nicht geheimnisvoll. Einfach sehr angenehm und irgendwie ausbalanciert. Genau diese Qualität mögen wir.

Denn eine gute Auszeit besteht nicht zwingend darin, möglichst wenig zu tun. Manchmal hilft eine Wanderung. Manchmal ein langes Frühstück. Manchmal ein Gespräch, für welches zuhause nie der richtige Moment kommt. Und manchmal ist es wohltuend, sich hinzulegen und für eine Weile nichts entscheiden zu müssen.

Peter würde die Sache übrigens gerne noch etwas weiter planen. Sein Wunsch ist, an einem warmen Sommertag einmal draussen zu massieren, irgendwo im Wald an einem passenden Ort. Ob und wann daraus etwas wird, wissen wir noch nicht. Aber der Gedanke gefällt uns. In der Schwendi darf auch etwas entstehen, das nicht schon hundertmal irgendwo anders ausprobiert wurde.

Die Massage steht unseren Hausgästen offen, aber auch Menschen aus dem Dorf und der Umgebung. Und weil für uns das Erlebnis nicht mit der letzten Bewegung auf der Massageliege endet, gehört das Drumherum genauso dazu. Vorher noch einen Kaffee. Nachher einen Tee oder etwas anderes Feines. Einen Moment sitzen bleiben, den Blick von der Terrasse geniessen oder am Feuer sitzen.

Wer regelmässig Massagen bucht, wird bei Peter vermutlich ziemlich schnell merken, dass hier etwas anders läuft. Nicht spektakulärer. Nicht exotischer. Aber persönlicher. Weil da jemand arbeitet, der Menschen nicht erst seit seiner Massageausbildung begleitet. Und weil eine gute Massage bei ihm nicht dort beginnt, wo die Hände den Körper berühren, sondern dort, wo jemand genau genug hinschaut, um zu merken, was dieser Mensch gerade braucht.

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Wenn man schon weiss, was zum Frühstück passt