Wo das Moor den Himmel berührt

Diese Tour beginnt nicht als Spaziergang und endet auch nicht als solcher. Sie ist eine Pilger-Wanderung für Menschen, die unterwegs wirklich in einen Rhythmus kommen möchten - mit Anstieg, Grat, Weite und einem Abstieg, der nochmals die ganze Aufmerksamkeit verlangt.

Von Kaltenbrunnen führt der Weg hinauf in die Landschaft von Chaltenbrunnen und weiter zum Hochmoor oberhalb von Meiringen. Hier zeigt sich das Reichenbachtal von einer besonders stillen Seite: Alpweiden, Moorflächen, kleine Wasserstellen, Gräser, Felsen und diese eigentümliche Mischung aus Kargheit und Fülle. Das Hochmoor liegt auf einer Hangterrasse oberhalb von Meiringen und wird als höchstgelegenes Hochmoor Europas beschrieben. Gerade deshalb bleibt man hier auf den markierten Wegen - nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Respekt vor einem Ort, der empfindlicher ist, als er auf den ersten Blick wirkt.

Wanderung - Chaltenbrunnen - Grindelfeld - Gschantenmad - Chaltenbrunnen

Doch die Pilgerhaus-Variante bleibt nicht beim Moor stehen. Sie geht weiter. Über den Grat Richtung Grosse Scheidegg öffnet sich die Tour nochmals. Steil über eine Felsflanke hoch bis sich der Blick wieder weitet und der Blick wieder auf den Rosenlaui-Gletscher trifft. Hier oben merkt man, warum das Haslital nicht nur aus lieblichen Postkartenmotiven besteht, sondern auch aus Kraft: Fels, Wetter, Höhenzüge, Übergänge - und darunter das Reichenbachtal, das sich in die Landschaft legt wie eine lange Spur. Immer mal wieder Alpwirtschaft bis auf über 2000 Meter über Meer.

Diese Runde ist mit rund 12,3 Kilometern, knapp 1’000 Höhenmetern und einer höchsten Lage von gut 2’100 Metern keine kleine Nebenbei-Wanderung. Sie ist gut machbar, aber kein Abendspaziergang. Sie verlangt gute Schuhe, Trittsicherheit, Wetterblick und genug Zeit.

Der Abstieg ins Gschwantenmad gehört dann nochmals zu den Momenten, in denen man nicht einfach plaudernd weiterläuft. Schmal der Weg und im Zick-Zack durch Steinpfade, Wald und Feld - wenn Kühe oben sind, schauen sie deinem Abstieg kauend zu. Es geht steil hinunter, und genau darin liegt auch eine Qualität dieser Tour: Sie holt einen zurück in den Körper. Nach dem offenen Grat, nach der Weite, nach dem Blick zum Gletscher und in hochalpine Landschaft wird der Weg konkreter. Schritt für Schritt. Nicht spektakulär, aber sehr präsent.

Unten im Gschwantenmad öffnet sich wieder eine andere Stimmung. Das Rychenbachtal wird dort als Bilderbuchlandschaft beschrieben: grüner Talgrund, Bergbach, Alphütten und darüber die schroffen Wände von Wellhorn und Wetterhorn. Wildheit und Lieblichkeit liegen hier erstaunlich nah beieinander.

Diese Tour ist eine Pilger-Wanderung, mal schmal mal breit, mal felsig hoch mal steil hinab. Sie ist kein Programm, das man abhakt, sondern ein Tag, der etwas mit einem macht. Man startet vielleicht mit Gedanken, die noch unruhig sind. Oben beim Moor wird es stiller. Auf dem Grat wird der Blick weiter. Im steilen Abstieg sortiert sich der Kopf nicht durch Nachdenken, sondern durch Gehen. Und irgendwann ist man unten - müde, wach, geerdet. Menschen sieht man kaum und das erstaunt.

Wer es sanfter möchte, findet mit der bekannten Chaltenbrunnen-Hochmoor-Route eine schöne Alternative: Sie führt stärker durch die Moorlandschaft und über die Wandelalp zurück Richtung Zwirgi. Diese Variante eignet sich gut für Gäste, die das Hochmoor erleben möchten, ohne die Gratpassage und den steileren Abstieg ins Gschwantenmad zu wählen. Die Pilgerhaus-Variante aber bleibt die ursprünglichere Tour - mit etwas mehr Höhe, wilder und mehr Weite. Aber immer nicht als Leistungsrunde sondern als Erlebnispfad zum Staunen.

Zurück in der Schwendi spürt man die Beine, die wissen, was sie getan haben. Und ein Kopf, der verlüftet ist und frei.

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Was möglich wird, wenn nichts muss