Die Sonnenseite ist nicht die ganze Geschichte

Das Pilgerhaus steht in Schattenhalb. Schon der Name lädt zu Interpretationen ein.

Dabei ist die Sache geografisch viel nüchterner: Nur in den tiefen Wintermonaten verschwindet die direkte Sonne für längere Zeit hinter den Bergen. Im Sommer sind wir ziemlich froh über die kühle Terrasse, wenn andernorts die Hitze auf den Steinplatten steht. Und im Winter reflektiert der Schnee am gegenüberliegenden Hasliberg so viel Licht in die Gaststube, dass «Schattenseite» schnell nach mehr Dunkelheit klingt, als tatsächlich vorhanden ist.

Wer im Leben unterwegs ist, kennt Sonnen- und Schattenseiten. Und meistens lassen sie sich weniger sauber trennen, als man gerne hätte. Nicht jede sonnige Phase ist leicht. Und nicht alles, was zunächst im Schatten liegt, ist dunkel. Für diese Wanderung wechseln wir trotzdem ganz bewusst die Talseite.

Mit der Gondel geht es hinauf auf die Mägisalp. Dort beginnt der Weg nach Planplatten: knapp sechs Kilometer, gut 600 Höhenmeter und ein stetiger Aufstieg auf der Sonnenseite des Haslitals.

Der Start ist freundlich. Die Mägisalp liegt noch mitten in der offenen Alp-Landschaft. Wiesen, Weiden, verstreute Häuser und gegenüber jene Bergwelt, die man von der Schwendi aus aus einer ganz anderen Perspektive kennt.

Dann beginnt der Weg zu steigen.

Nicht spektakulär, sondern stetig. Schritt um Schritt gewinnt man Höhe und verliert gleichzeitig ein wenig Nähe zum Alltag. Das Tal rutscht tiefer, die Landschaft wird weiter, die Vegetation karger. Und irgendwann geschieht das, was gute Bergwege oft ganz nebenbei schaffen: Man schaut weniger auf das Ziel und mehr in die Weite. Gegenüber liegen Wetterhorn, Rosenlaui und die Berge rund ums Reichenbachtal. Weiter hinten öffnen sich Grimsel- und Sustengebiet. Mit jedem Höhenmeter kommt etwas dazu, ohne dass die Landschaft komplett wechselt.

Die Tour verlangt genug, damit der Körper beschäftigt ist, aber nicht so viel, dass daraus eine Prüfung werden muss. Man findet einen Tritt, einen Atem, einen Rhythmus. Der Weg macht das Denken einfacher. Oben auf Planplatten, auf gut 2’200 Metern, wird aus Aussicht Panorama. Der Blick reicht über das Haslital, zum Brienzersee, in die Berner Alpen und weit darüber hinaus. Man kann Gipfel bestimmen, Namen suchen und versuchen, die Landschaft zu ordnen. Oder man lässt es bleiben.

Meist genügt es, einfach dort oben zu stehen und festzustellen, dass der Horizont grösser geworden ist. Gerade deshalb passt diese Wanderung so gut zum Pilgerhaus. Man startet auf der Schattenseite, wechselt auf die Sonnenseite und sieht von dort wieder zurück. Nicht um festzustellen, welche Seite besser ist. Sondern um zu merken, dass sie zusammengehören. Denn wer im Leben immer nur auf die Sonnenseite flüchtet, verpasst etwas Entscheidendes: Auch im Schatten gibt es Licht. Manchmal sogar erstaunlich viel.

Nach dem Aufstieg kann man von Planplatten bequem mit der Gondel wieder hinunterfahren. Zurück nach Schattenhalb. Zurück ins Pilgerhaus. Und der Name am Ortsschild klingt danach ein wenig anders.

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Hauptsache, beschäftigt.