Wir arbeiten, organisieren, konsumieren, erleben und optimieren. Unser Leben ist voller Möglichkeiten, und wir nutzen sie ausgiebig. Doch bei all dem, was uns beschäftigt, stellt sich eine ziemlich unbequeme Frage: Wie viel von unserem eigenen Leben bekommen wir eigentlich noch mit?
Es ist schon erstaunlich, wie gut wir darin geworden sind, unsere Zeit zu füllen. Kaum stehen wir morgens auf, beginnt ein Tag, für den wir meistens bereits einen Plan haben. Wir gehen zur Arbeit, kümmern uns um die Familie, beantworten Nachrichten, erledigen Einkäufe, treiben Sport, kochen etwas Feines und schauen am Abend vielleicht noch eine Folge unserer Lieblingsserie. Oder zwei. Dazwischen erfahren wir, was auf der Welt passiert, was unsere Freunde unternehmen und weshalb wir unbedingt einmal nach Japan reisen sollten.
Und wenn ausnahmsweise nichts ansteht? Dann fällt uns bestimmt etwas ein. Es gibt schliesslich immer etwas zu erledigen, anzuschauen, aufzuräumen oder zu verbessern.
Wir sind eine Gesellschaft, die sich ausgezeichnet beschäftigen kann. Vielleicht sogar etwas zu gut.
Ein ganzes Leben voller Beschäftigung
Nehmen wir an, wir werden 80 Jahre alt. Dann stehen uns rund 29'200 Tage zur Verfügung. Eine eindrückliche Zahl, solange wir sie nicht genauer betrachten. Wer durchschnittlich acht Stunden pro Nacht schläft, verbringt davon bereits gut 26 Jahre im Bett.
Dann kommen die Jahre, in denen wir arbeiten, einen Haushalt führen, Kinder grossziehen, Angehörige unterstützen und dafür sorgen, dass unser Leben überhaupt funktioniert.
Das Bundesamt für Statistik hat erhoben, dass Menschen im erwerbsfähigen Alter in der Schweiz 2024 durchschnittlich rund 55 Stunden pro Woche mit Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit verbrachten. Bei Eltern mit kleinen Kindern steigt diese Belastung häufig auf über 70 Stunden. Das sind zehn Stunden täglich, selbst wenn wir Samstag und Sonntag mitrechnen.
Und dann wäre da noch die digitale Welt. Eine repräsentative Studie der Universität Zürich zeigt, dass Schweizer Internetnutzer 2025 durchschnittlich 5,7 Stunden pro Tag online verbrachten. Bei den 20- bis 29-Jährigen waren es sogar 8,4 Stunden. Seit 2011 hat sich die durchschnittliche Internetnutzung damit verdreifacht.
Natürlich überschneiden sich diese Zeiten. Wir arbeiten online, erledigen Einkäufe über das Smartphone und organisieren unser Familienleben mit digitalen Hilfsmitteln. Die Stunden lassen sich deshalb nicht einfach zusammenzählen.
Trotzdem erzählen sie etwas über unser Leben. Darüber, wie viel wir tun, wie viele Dinge gleichzeitig um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren und wie selbstverständlich wir uns daran gewöhnt haben.
Interessanterweise erfassen die Statistiken ziemlich genau, wie viel Zeit wir mit Arbeit, Haushalt, Medien und Freizeit verbringen. Aber sie können uns nicht beantworten, wie viel davon wir wirklich bei uns selbst sind.
Vielleicht, weil das gar keine Frage der Zeit ist.
Ablenkung hat viele Gesichter
Wenn wir von Ablenkung sprechen, denken wir meist an die üblichen Verdächtigen. Das Smartphone, Netflix, Instagram oder die endlosen Nachrichten aus aller Welt. Dabei ist die Liste viel länger und vor allem deutlich raffinierter.
Wir können uns mit unserer Karriere ablenken, mit einem übervollen Terminkalender, dem nächsten Projekt, der Weiterbildung, dem Fitnessprogramm, der Gartenarbeit, dem Vereinsleben, den Ferienplänen oder der Renovation unserer Wohnung. Wir können jedes Wochenende mit Freunden verplanen, uns in gesellschaftlichen Debatten verlieren, stundenlang recherchieren, was wir als Nächstes kaufen sollten, oder uns einreden, dass wir unbedingt noch produktiver werden müssten.
Selbst der Spaziergang mit dem Hund lässt sich wunderbar dafür nutzen. Kopfhörer rein, Podcast an, und schon beschäftigen wir uns auf dem Waldweg mit den Gedanken eines anderen Menschen.
Wir können unsere Gesundheit optimieren, Schritte zählen, Schlafphasen auswerten, neue Ernährungsformen ausprobieren, die Nachrichten im Minutentakt verfolgen, uns um die Probleme anderer kümmern oder ein Buch darüber lesen, wie wir endlich zu uns selbst finden.
Manchmal sind wir sogar so beschäftigt damit, ein besserer Mensch zu werden, dass wir kaum noch Zeit haben, der Mensch zu sein, der wir bereits sind.
Das Bemerkenswerte daran: Fast alle diese Tätigkeiten sind sinnvoll. Arbeit ist wichtig. Freundschaften sind kostbar. Bewegung tut uns gut. Und selbstverständlich ist es schön, mit dem Hund spazieren zu gehen.
Nicht die Tätigkeit entscheidet darüber, ob wir uns ablenken, sondern wovon wir uns dadurch ablenken.
Ein Spaziergang kann eine wunderbare Begegnung mit uns selbst sein. Er kann aber genauso gut verhindern, dass wir uns mit einer Frage beschäftigen, die uns seit Wochen nicht loslässt. Arbeit kann uns erfüllen. Sie kann uns aber auch davor bewahren, darüber nachdenken zu müssen, was uns ausserhalb unserer beruflichen Rolle eigentlich ausmacht.
Vielleicht liegt gerade darin das Raffinierte der Ablenkung: Sie muss nicht einmal oberflächlich sein. Sie kann sich ausgesprochen sinnvoll anfühlen.
Wir halten uns selbst erstaunlich schlecht aus
2014 veröffentlichten Psychologen der University of Virginia eine bemerkenswerte Untersuchung. Sie baten Menschen, sechs bis fünfzehn Minuten allein in einem Raum zu verbringen. Ohne Smartphone, Buch oder sonstige Beschäftigung. Sie sollten einfach nur dasitzen und ihren Gedanken nachgehen.
Für viele war das offenbar alles andere als angenehm. In einem der Experimente entschieden sich einige Teilnehmer sogar dafür, sich selbst einen unangenehmen elektrischen Reiz zu verabreichen, obwohl sie ihn zuvor ausdrücklich als unangenehm bezeichnet hatten.
Die Studie wurde später in ihrer Interpretation kritisiert. Trotzdem wirft dieses Experiment eine interessante Frage auf: Weshalb kann es so schwierig sein, eine Viertelstunde ohne äussere Beschäftigung zu verbringen?
Vielleicht, weil dann plötzlich jemand auftaucht, dem wir sonst recht geschickt aus dem Weg gehen: wir selbst.
Ohne die Meinungen anderer, ohne Aufgaben, die erledigt werden müssen, ohne die nächste Episode und ohne das beruhigende Gefühl, gerade etwas Sinnvolles zu tun, bleibt Raum für Gedanken, die wir nicht bestellt haben.
Bin ich eigentlich zufrieden mit meinem Leben? Lebe ich so, wie ich es möchte? Weshalb beschäftigt mich diese Begegnung noch immer? Was vermisse ich? Wovor habe ich Angst? Und was würde ich verändern, wenn ich nicht ständig damit beschäftigt wäre, das Bestehende aufrechtzuerhalten?
Solche Fragen sind nicht besonders bequem. Sie lassen sich selten in einer Viertelstunde beantworten und noch seltener mit einem weiteren Ratschlag aus dem Internet erledigen.
Also machen wir weiter. Es gibt ja genug zu tun.
Anwesend, aber mit den Gedanken woanders
Auch wenn wir gerade nicht beschäftigt sind, bedeutet das noch lange nicht, dass wir wirklich anwesend sind.
Die Harvard-Psychologen Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert untersuchten mit einer Smartphone-App, womit sich Menschen gedanklich beschäftigen, während sie ihrem Alltag nachgehen. Das Ergebnis ihrer 2010 veröffentlichten Studie: Während 46,9 Prozent der erfassten Wachzeit dachten die Befragten an etwas anderes als an das, was sie gerade taten.
Fast die Hälfte unserer bewussten Zeit verbringen wir demnach zumindest in dieser Untersuchung gedanklich woanders. Bei Dingen, die bereits geschehen sind, noch geschehen könnten oder vielleicht niemals geschehen werden.
Natürlich gehört dieses gedankliche Wandern zum Menschsein. Ohne Vorstellungskraft gäbe es weder grosse Ideen noch Zukunftspläne. Doch die Forscher beobachteten auch einen Zusammenhang: Menschen waren im Allgemeinen weniger glücklich, wenn ihre Gedanken abschweiften.
Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis. Wir können im schönsten Garten sitzen, mit unseren liebsten Menschen essen oder einen Sonnenuntergang erleben und gleichzeitig gedanklich so weit weg sein, dass wir kaum etwas davon mitbekommen.
Vielleicht verpassen wir unser Leben gar nicht deshalb, weil wir zu wenig Zeit haben. Sondern weil wir selbst dann nicht richtig da sind, wenn wir Zeit hätten.
Was wir nicht lernen, können wir kaum leben
Schon als Kinder lernen wir, uns zu beschäftigen. Wir sollen etwas ausprobieren, etwas leisten, uns entwickeln, üben und besser werden. Später lernen wir für Prüfungen, verfolgen berufliche Ziele, gründen Familien, übernehmen Verantwortung und kümmern uns um die Zukunft.
All das gehört zum Leben. Nur kommt in dieser langen Ausbildung erstaunlich selten vor, wie wir mit uns selbst umgehen sollen, wenn gerade nichts von uns erwartet wird.
Wir lernen, Probleme zu lösen. Aber kaum, eine unbeantwortete Frage auszuhalten. Wir lernen, unsere Zeit einzuteilen. Aber wenig darüber, wie wir sie erleben. Wir lernen, erfolgreich zu funktionieren. Doch wer zeigt uns eigentlich, wie wir einfach sein können?
So entwickeln wir über Jahrzehnte eine beeindruckende Fähigkeit, uns mit der Welt auseinanderzusetzen, während die Auseinandersetzung mit unserem eigenen Leben oft zu kurz kommt.
Und irgendwann merken wir vielleicht, dass wir hervorragend darin sind, unseren Alltag zu organisieren, aber Mühe haben zu sagen, was wir uns wirklich wünschen.
Manchmal braucht es dafür einen Einschnitt. Eine Krankheit, eine Trennung, einen Verlust, eine berufliche Veränderung oder die Erkenntnis, dass sich ein lang ersehntes Ziel nach seiner Erreichung überraschend leer anfühlt.
Plötzlich stehen Fragen im Raum, für die unser gewohntes Beschäftigungsprogramm keine Antworten bereithält.
Dabei waren diese Fragen möglicherweise schon lange da. Wir hatten nur nie richtig Zeit, ihnen zuzuhören.
Vielleicht ist Ablenkung unser grösster Feind
Das ist natürlich eine gewagte Behauptung. Es gibt genug wirkliche Bedrohungen, Sorgen und Schicksalsschläge, die unser Leben bestimmen können. Und wer täglich um seine Existenz kämpfen muss oder Verantwortung für andere trägt, kann sich nicht einfach ein paar Stunden Selbstbesinnung in den Kalender schreiben.
Trotzdem lohnt es sich, die Hypothese ernst zu nehmen.
Denn Ablenkung ist so alltäglich, dass wir sie kaum als solche erkennen. Sie nimmt uns nicht unbedingt etwas weg, das wir bereits besitzen. Sie verhindert vielmehr, dass wir entdecken, was in unserem Leben noch möglich wäre.
Wir können auf diese Weise ein ganzes Leben verbringen, ohne je wirklich innezuhalten. Wir erleben viel, wissen viel, besitzen viel und haben unzählige Geschichten zu erzählen. Doch möglicherweise haben wir uns dabei selbst immer wieder verpasst.
Das Tragische daran wäre nicht, dass wir zu wenig aus unserem Leben gemacht hätten. Sondern dass wir es vor lauter Beschäftigung zu wenig wahrgenommen haben. Wir sind nicht daran gewöhnt, dass unsere Aufmerksamkeit einmal niemandem und nichts gehören muss.
Ein Weghalt ist kein weiteres Programm
Aus dieser Überzeugung ist auch ein Teil unserer Idee von Zwischensinn entstanden.
Wir glauben nicht, dass Menschen ständig neue Impulse, Programme und Ratschläge brauchen. Davon gibt es bereits mehr als genug. Wir glauben vielmehr, dass es manchmal einen Ort braucht, der nichts von uns fordert.
Einen Ort, an dem wir nicht unterhalten werden müssen. An dem wir keinen fremden Rhythmus übernehmen und keine Erwartungen erfüllen sollen. Wo ein Spaziergang einfach ein Spaziergang sein darf, ein Buch auch ungelesen liegen bleiben kann und ein Nachmittag keinen besonderen Zweck braucht.
Das klingt zunächst wenig spektakulär. Doch wenn die Ablenkungen wegfallen, wartet nicht automatisch eine grosse Erkenntnis. Vielleicht kommt zuerst Langeweile. Vielleicht Unruhe. Vielleicht auch die Versuchung, doch noch rasch die E-Mails zu kontrollieren.
Aber irgendwann entsteht womöglich etwas, das in unserem gewöhnlichen Alltag selten geworden ist: Raum für eigene Gedanken. Für Erinnerungen, die wieder auftauchen. Für Fragen, die endlich zu Ende gedacht werden dürfen. Für Dankbarkeit, neue Perspektiven oder die Einsicht, dass wir gar nichts verändern müssen.
Und auch für jene leise Gewissheit, dass unser Leben mehr ist als die Summe dessen, was wir täglich erledigen.
Wir müssen aus unserem Leben nicht noch mehr herausholen. Wir sollten zuerst einmal herausfinden, was längst darin steckt.
Denn eines steht fest: Mit Ablenkung lässt sich ein ganzes Leben füllen. Die Frage ist nur, ob wir es dafür hergeben möchten.
Zwischensinn – ein Weghalt für Pilger des Lebens.