Ganz Wir


«Da dänksch nüt Böses u scrollisch dür d’SRF News – u plötzlech gsehsch di beschte Fründe …» Diese Nachricht erreichte uns kurz nach der Veröffentlichung. Dazu erschrockene, lachende und feiernde Emojis – und ein «Gratuliere!». Andere Rückmeldungen waren knapper: «Sehr cool.» Oder etwas nachdenklicher: “Schön, dass im Radio Raum für einen solchen Beitrag ist”.

Uns ging es ähnlich. Wir wussten natürlich, dass Thomas Pressmann im Mai für ein Radiointerview zu uns gekommen war. Wir wussten auch, dass daraus ein Beitrag für das Regionaljournal Bern Freiburg Wallis entstehen sollte. Dass unser Gespräch jedoch zur besten Sendezeit ausgestrahlt, später ausführlich auf SRF News aufbereitet und damit Menschen erreichen würde, die bisher kaum etwas von der Schwendi wussten, fühlte sich nochmals anders an. Plötzlich wurde aus einem langen Gespräch in der Gaststube eine öffentliche Geschichte.

Das Gespräch mit Thomas wurde persönlicher, als wir erwartet hatten. Wir sprachen nicht nur über Baubewilligungen, Architektenwechsel, Kosten oder die Frage, wie zwei Menschen ohne Hotellerie-Erfahrung aus zwölf alten Zimmern sechs hochwertige Apartments machen. Thomas fragte nach dem, was uns geprägt hat: nach schwierigen Lebensphasen, nach Barbaras Erkrankung während des Umbaus, nach unserer Beziehung und danach, weshalb wir dieses Projekt trotz allem weitergeführt haben. Im Radio hört man nicht nur Antworten. Man hört das kurze Zögern davor, das Lachen an einer unerwarteten Stelle und vielleicht auch, wenn eine Erinnerung nahe kommt.

Normalerweise kennt man die eigene Geschichte zu gut. Man hat sie selbst erlebt, oft erzählt, manchmal bereits in eine verständliche Reihenfolge gebracht. In einem guten Gespräch wird diese Ordnung nochmals geöffnet. Plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, was geschehen ist, sondern was es mit einem gemacht hat. Wie Barbara die Arbeit an der Schwendi während ihrer Krankheit auch als wertvolle Ablenkung erlebte. Wie hilfreich es sein kann, etwas Schweres für einen Moment stehen zu lassen und sich einer Aufgabe zuzuwenden, bei der sichtbar etwas entsteht. Und wie ein gemeinsames Projekt eine Partnerschaft nicht nur beansprucht, sondern auch vertieft und bereichert.

SRF überschrieb den Beitrag mit «Wenn aus einer Idee ein eigenes Hotel wird». Das ist eine gut erzählte Mediengeschichte: Ein Ehepaar ohne Branchenerfahrung kauft ein historisches Hotel, erlebt Rückschläge, baut es um und eröffnet. Die Geschichte stimmt. Aber unser Ausgangspunkt war nie der Traum vom eigenen Hotel. Wir wollten einen Ort für Zwischensinn schaffen - für jene Phasen des Lebens, in denen Altes nicht mehr trägt und das Neue noch keine klare Form angenommen hat.

Gerade diese Zwischenzeiten kennen wir. Sie können unübersichtlich, anstrengend und manchmal schlicht zu viel sein. Aber sie sind keine leeren Wartezonen. In ihnen kann etwas aufbrechen, das im geordneten Alltag keinen Platz gefunden hätte. Eine neue Idee. Eine unerwartete Hilfe. Eine Entscheidung, die plötzlich möglich wird. Oder Hoffnung, welche nicht aus einer Lösung entsteht, sondern daraus, dass ein nächster Schritt sichtbar wird.

Die Schwendi wurde zum konkreten Ort für diesen Gedanken. Nicht, weil wir den gesamten Weg vorausgesehen hätten. Eher im Gegenteil. Vieles entstand, indem wir unterwegs reagieren, neu denken und manchmal auch aushalten mussten. Von aussen wird das gerne als Mut bezeichnet. Uns kommt das bisweilen etwas gross vor. Mut klingt nach einem entschlossenen Schritt mit sicherem Blick. Unser Weg bestand häufiger aus vielen kleinen Entscheidungen, über etwas nachdenken, ein weiteres Gespräch führen, nochmals eine Variante prüfen und am nächsten Morgen weitermachen.

Wenn Menschen darin dennoch etwas Ermutigendes erkennen, freut uns das. Wahrscheinlich nicht, weil sie nun ebenfalls ein altes Hotel kaufen möchten. Sondern weil sie ihre eigene Idee wieder etwas ernster nehmen. Weil sie merken, dass ein Weg nicht vollständig kartiert sein muss, bevor man ihn betritt. Oder dass eine schwierige Lebensphase nicht nur das Ende von etwas sein muss, sondern auch der Anfang von etwas, welches man heute noch nicht benennen kann.

Der Beitrag zeigt uns sehr persönlich. Nicht perfekt formuliert, nicht als fertige Erfolgsgeschichte und auch nicht mit der nötigen Distanz, um alles souverän einzuordnen. Vielleicht hat er gerade deshalb so viele Reaktionen ausgelöst. Menschen haben nicht nur einen Hotelumbau gehört. Sie haben uns gehört.

Ganz wir.




Weiter
Weiter

Ein Platz auf der Terrasse