Die Kunst des Anfangs

Eigentlich ist es so weit.

Die meisten Handwerkerarbeiten sind erledigt. Die Böden sind gelegt, die Wände gestrichen, die Zimmer so eingerichtet, wie wir sie uns über Monate vorgestellt hatten. Und doch gibt es viele Kleinigkeiten, welche es noch zu erledigen gilt. Ein Pinselstrich hier, eine klemmende Türe dort. Auf der Terrasse wurden in eisiger Kälte die Windschutzwände aus Glas montiert, im Keller stellten wir Schränke auf, damit Wanderschuhe und nasse Kleidung ihren Platz haben. Das Brennholz für den Schwedenofen wurde ordentlich gestapelt und vor dem Wetter geschützt. Es sind diese hundert kleinen Dinge, die kein Mensch sieht – und die doch entscheidend sind, weil man sie bemerkt, wenn sie fehlen.

Gleichzeitig fühlt sich alles bereits so an, wie wir es uns erträumt haben. Manchmal ist es fast surreal. Dann stehen wir einen Moment still, schauen uns an und sind einfach nur dankbar für das, was hier entstanden ist. Natürlich ist das nicht das Ende. Denn jetzt beginnt etwas Neues. Die Premium-Apartments – wie wir sie nennen – wollen belebt werden. Ein Haus lebt nicht vom Fertigsein, sondern von Menschen. Und genau da wird es anspruchsvoll. Wir haben uns bewusst entschieden, nicht auf die grossen Buchungsplattformen zu gehen. Wer seine Zeit bei uns verbringen will, soll uns finden. Das braucht Geduld. Viel Geduld. Wir geben uns zwei Jahre. Auszuhalten, dass es langsam geht, ist nicht einfach – aber es gehört zu unserer Philosophie.

Umso mehr berühren uns die ersten Begegnungen. Nach dem Dankesessen für die Handwerker im November hörten wir, dass über die Schwendi geschwärmt wurde: vom Essen, vom Ambiente, vom umgebauten Haus. Auch ein Hoteldirektor aus Meiringen meinte: Man hört nur Gutes von euch! Kurz nach dem Handwerkeressen meldete sich die Partnerin eines Schreiners bei uns – sie wollte ihm einen Gutschein schenken: Essen und übernachten im Pilgerhaus Schwendi. Eigentlich etwas Aussergewöhnliches, denn unser Konzept sieht vor, dass Hausgäste in ihren Apartments selbst was Kleines kochen. Doch wir machen den Wunsch möglich.

Ein kleiner Moment. Und doch ein grosser. Die Apartments waren bereit. Wir reservierten für den Schreiner und seine Partnerin das Zimmer mit Balkon – eines dieser Zimmer, bei denen man spürt, dass sie genau so gedacht waren. Für das Nachtessen organisierten wir Urs, den Koch, der uns und die Handwerker schon einmal verwöhnt hatte. Und fast beiläufig entstand dabei die Idee der Pilgertafel. Wir haben vor, gelegentlich eine Einkehr bei feinem Essen anzubieten - klein, vertraut und vielleicht etwas idealistisch, wenn man den wirtschaftlichen Aspekt berücksichtigt. Aber wir merken, dass unsere Währung Begegnung sein soll und nicht Rechnerei. Wenn unser Haus gefällt, werden die richtigen Menschen kommen und es wird sich lohnen. Über Social Media machten wir Menschen aus der Region auf das Abendessen aufmerksam. Nicht gross angekündigt, nicht laut. Einfach offen. Alle paar Tage kam eine weitere Anmeldung und wir merkten, wie es sich gut anfühlte, dass sich Menschen auf den Weg zu unserem Haus machten.

Das Wetter spielte mit. Die Schwendi stand tief verschneit im Weiler Schwendi oberhalb von Willigen, als die meisten Gäste zu Fuss herpilgerten. Draussen indirekt beleuchtet, das ehrwürdige Haus, drinnen brannte bereits ein Feuer im Schwedenofen. Die Tische waren gedeckt – für die Übernachtungsgäste und für die Pilgertafel. Gespräche entstanden wie von selbst. Wer wollte, durfte vor dem Dessert das Haus erkunden oder am Feuer sitzen. Und niemand hatte es eilig. Der Abend zog sich – im besten Sinn.

Für den Sonntagmorgen hatten wir ein Pilgerfrühstück versprochen. Und ehrlich gesagt: Wir wussten nicht so genau, was das eigentlich ist. Also setzten wir uns zusammen – Daniela, Barbara und ich – und begannen zu überlegen. Spiegeleier? Speck? Käse? Zopf? Brot? Relativ schnell merkten wir: Darum geht es nicht. Ein Pilger des Lebens – so nennen wir unsere Gäste – sucht kein möglichst grosses Buffet. Wahrscheinlich sucht er oder sie gar nichts Konkretes. Aber Offenheit ist da. Aufmerksamkeit. Die Bereitschaft, ein Erlebnis zuzulassen. Und genau dort fanden wir den Einstieg.

Das Pilgerfrühstück ist kein Menü. Es ist ein Ritual. Ein bewusster Moment am Morgen, der hängen bleibt. Einer, der Disziplin verlangt – und genau dadurch etwas Gutes auslöst. Mehr verraten wir nicht. Wer bei uns nächtigt, wird es mit etwas Glück erleben und bestimmt mit einem anderen Gefühl in den Tag starten.

Noch sind nicht alle Dinge erledigt. Es gibt sie weiterhin, diese hundert kleinen Sachen und Sächeli. Aber die ersten Gäste sind da. Ihre Rückmeldungen stimmen uns zuversichtlich. Und wir spüren immer deutlicher: Es sind nicht Perfektion oder Geschwindigkeit, die dieses Haus prägen werden. Sondern besondere Momente. Momente, die bleiben.

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